Lyrik

  • Über die Gedichte

    „Die Gedichte von Eva Boström haben eine durchgängige persönliche Eigenart und Qualität, in der die Ebene der subtilen sinnlichen Wahrnehmung stets gedanklich durchdrungen und ins Geistige gesteigert wird. Die Jahreszeiten, die Nacht, die Stille, die Gestirne werden zu existenziellen Erfahrungen, in denen die Autorin sich ihres In-der-Welt-seins vergewissert.“

    Dieter Wellershoff, 2008

    Eine Auswahl aus dem Gedichtband: Eva Boström, Schattenrand. Gedichte. deutscher lyrik verlag, Aachen 2008. 48 Seiten, ISBN 978-3-89514-797-5.

  • Wende

    Noch ist es
    einen Flügelschlag zu früh
    für Herbst.
    Und doch –
    nur eine Nacht entscheidet
    eines Sommers Ende
    
    Nur eine Nacht
    der Kälte und des Sturms,
    nur eine Nebelnacht,
    vielleicht nur die.
    Ein Hauch aus Nord,
    ein Hagel,
    ach – ein Wort,
    nur eine Geste,
    nur das Wie –
    
    denn nichts ist unsichtbarer
    als die Wende.
    
    Noch ist es einen Flügelschlag zu früh
    für Herbst.
    Und doch –
    was ist ein Flügelschlag?
    Ein Wimpernschlag, ein Blick, ein Halt,
    ein Zögern nur, ein kleines Drehn,
    ein Nichts,
    ein Lassen, wo sonst Geben war,
    ein Gehn,
    ein müdes Wenden des Gesichts,
    ein Bald –
    
    So schnell ist Herbst.
    Und kalt.
  • Abschied

    Eingehüllt in den Wald
    lausche ich
    der Stimme des Regens,
    die flüsternd
    den Sommer begräbt.
    
    Er starb heute nacht
    – oder gestern?
    unter vergoldeten Buchenfächern,
    sanft stöhnend
    wie ein Liebender.
    
    Ach –
    hätte ich ihn
    noch einmal umarmt.
  • Verbrenne, Herbst

    Verbrenne, Herbst,
    des Sommers müdes Laub,
    und gib
    den letzten Früchten
    Glanz und Süße.
    Lass keine Tränen sein
    in Tau und Regen,
    bedeck die harten Furchen
    auf den Wegen –
    wirf goldne Blätterschauer
    unter unsre Füße
    und auf den Staub.
    
    Schenk, Herbst
    dem Sterben
    Kraft und Würde,
    die Wildheit der Ekstase
    und des Tanzes.
    Lass Leuchten sein
    in diesen letzten Tagen,
    lass uns in alle Wälder
    Fackeln tragen –
    nicht Widerschein,
    nein: Mittelpunkt des Glanzes –
    und freies Schreiten
    ohne Last und Bürde
    
    Ach, Herbst,
    dann wirf uns in den Schlaf
    – wie Kinder –
    und lass uns träumen,
    bis wir erwachen
    unter neuen Bäumen.
  • Der Sturm

    Hörst du den Sturm?
    Schwer
    fällt er gegen die Mauern
    und drückt das schwarze
    wildschlagende Tuch der Nacht
    gegen Fenster und Tür.
    
    Hier,
    wo dein Herz schlägt,
    ist drinnen.
    Dicht vor deiner Brust aber
    hörst du das Draußen,
    in dessen Gärten
    Zedern zerbrechen und Zäune,
    auf dessen Straßen
    Schindeln zersplittern und Glas
    und Regen –
    Regen.
    
    Hörst du den Sturm?
    Lege dein Ohr an die Nacht:
    weit hinter allem
    und tief unter jedem Getön
    fühlst du das Meer sich bewegen.
  • Erwartung

    Der Nebel steigt.
    Die Gärten sind erfüllt mit Vogellauten
    und triefend wartet das Gezweig.
    Die Schritte hinterlassen feuchte Spuren –
    
    es dehnt die Zeit sich aus nach fremden Uhren,
    und zögernd warten selbst die Tageszeiten
    und lauschen hin mit frischgespannten Saiten
    
    auf jenes Lied,
    das noch im Dämmer ruht.
  • Winteranfang

    Nun sind die Wälder
    für den großen Schlaf entkleidet,
    und von den Höhen weht ein fremder Ton.
    Der ist so rau,
    so voller Klage schon –
    
    als beugten Riesen
    weinend sich dem Tod,
    der unerbittlich durch die Nächte reitet –
    
    als stünden Mütter
    in verlassnen Hallen
    und sängen trauernd
    mit geschlossnen Mündern
    
    und riefen wie im Traum
    nach ihren Kindern.
  • Fast

    Aus deinem Herzen,
    Fremder, sank
    direkt in meins
    ein alter Klang,
    der war so zag,
    der war so – kaum,
    so unberührbar wie ein Traum.
    
    Und sank so tief –
    bis auf den Grund:
    ich konnt' ihn nicht mehr fangen.
    Ich tauchte mir die Seele wund –
    doch du
    warst längst gegangen.
  • Wintermorgen

    Es gibt eine Zeit
    vor dem Morgen:
    Da schweben die Buchen über dem Schnee,
    lautlos getragen
    vom angehaltenen Atem Gottes.
    Und nichts wagt, zu fallen,
    kein Blatt.
    Und keine Schwinge,
    die steigt.
    
    Es ist das Jetzt,
    das seinen Bogen spannt,
    bis er mit einem Klang
    plötzlich
    das Licht entlässt.
  • Winterende

    Dies ist die Zeit,
    da hinter Dunstgespinsten
    die Bäume reihenweise sich entziehn
    bis sie der Horizont
    ermüdet löscht.
    
    Der Winter strafft
    noch einmal seine Flügel,
    wirft eine Handvoll Krähen ins Geäst
    und krallt sich
    blind und fröstelnd
    in die Nacht.
    
    Die Felder aber
    – feucht und vom Schnee entblößt –
    entgehn ihm schon
    und öffnen sich dem Osten,
    der jeden Morgen strahlender und größer
    mit ihnen die Geburt der Sonne
    zelebriert.
  • Vorfrühling

    Es ist kein Harren mehr,
    es ist schon Warten
    – das Harren war noch ganz dem Schnee geweiht. –
    Jetzt aber dehnen sich die Felder breit
    und heben
    unter unsichtbaren Wogen,
    die lautlos Scholl' um Scholle tränken,
    Werdendes heben
    und Gewesnes senken
    im wiederkehrenden Gezeitenstrom –
    dem Atem Gottes hingegeben,
    dem Leben.
  • Ich lausche

    Ich lausche
    dem langsamen Atem der Nacht,
    der Trommel ihres mächtigen Herzens.
    Wie ein Kind im Mutterleib
    schwimme ich,
    treibe
    im wellenlosen Geschaukel der Liebe,
    im zeitlosen Wechsel
    von Dämmer und Dunkel
    unter den Augen der Sterne.
    
    Noch gibt es keinen Tag
    und keine Grelle,
    noch braucht die Seele
    keine Träume, um zu leben.
    Noch bin ich heil und ganz
    indem ich werde.
    Ich schwebe
    zwischen Ewigkeit und Erde,
    noch ohne Zeit und Ferne,
    genau in jener Mitte
    zwischen Sein und Nichts.
    
    Ich lausche
    der Trommel der Nacht,
    dem Atem des Herzens.
    Zwischen Erinnern und Vergessen,
    tausendmal
    vertraut mit dem Tod,
    erwarte ich
    den unabänderlichen
    gnadenlosen Sturz
    ins Licht.
  • März

    So dunkel wie im Innern des Kometen
    stürzt meine Seele in den fahlen März –
    nicht in die Einsamkeiten von Planeten,
    nicht in das Unbegreifliche
    verlorner Dimensionen,
    nein hier ins Jetzt,
    in Traum, Vergeblichkeit und Schmerz.
    
    Nichts hält sie auf
    bei ihrem Sturz ins Sein.
    Sie wandelt sich mit den Vergänglichkeiten
    und ist ein Ton im Klang der Jahreszeiten,
    ein Glockenschrei im Flug der wilden Gänse,
    auf nackten Feldern ein verfrühter Schein,
    ein Blick in noch Verborgenes,
    ein Stein.
  • Wiederkommen

    Wiederkommen
    ist niemandes Los –
    Wiederkommen ist Wollen.
    Alte Wege zu gehn
    heißt, gestern
    im Heute zu suchen,
    heißt,
    gestern vergangen zu sehn,
    heißt,
    zitternd im Heute zu stehn
    und Atem zu holen.
    
    Wiederkommen
    ist niemandes Los –
    Wiederkommen ist Lieben.
  • Neuwerdung

    Das Warten
    wird nun Tag für Tag beendet.
    Die Nächte füllen sich mit warmen Winden,
    und alle Zweige dehnen sich im Tanz.
    Des Winters Schatten
    hat sich abgewendet:
    die Horizonte quellen mir entgegen.
    Schon staut das neue Grün
    sich an den Wegen,
    
    und Licht und Glanz
    schlägt mir wie eine Schwinge ins Gesicht.
    O – Glanz und Licht!
    Herr, lass mich nicht erblinden,
    lass mich, o lass mich sehn,
    wohin ich gehe –
    
    und lass mich glauben,
    was ich sehe!
  • Mainachttraum

    Ein weisser Mondgong
    übertönt das Schweigen,
    die Farben
    werden plötzlich aufgesaugt
    vom Samt der Nacht,
    der Wind verstummt.
    Im Schattenraum
    von Laub und Zweigen
    gerinnt die Zeit ...
    
    und da
    bewegt ein Tier sich
    sacht.
    
    Sein Atem geht
    so lautlos auf und nieder,
    du fühlst es nahn
    mit unhörbarem Schritt,
    es duckt sich lange
    und du duckst dich mit ...
    bis es
    ganz unerwartet
    aus dem Schatten tritt
    und du erstarrst –
    
    denn du erkennst dich wieder.
  • Sommeressenz

    Vollkommen rund
    fällt mir der Mond in die Augen –
    ausgereift
    in der Kälte des Herbstes
    und bereift
    vom weißen Atem
    eines vielleicht zu frühen Winters –
    
    gleich einer Schlehenbeere
    angefüllt
    mit der Essenz des Sommers,
    ungenießbar bitter
    vor Kraft.
  • Herbst

    Da draussen im Land
    vollzieht sich ein Sterben
    in aller Stille –
    
    ein Lösen und Fallen
    in aller Fülle –
    ein Liegen und Lassen
    und langsam Vergehn –
    ein Sinken im Nebel,
    ein mildes Verblassen.
    
    Die Anmut des Sterbens
    in aller Stille –
    der Abschied
    ist schön.
    
    Doch nicht jeder Tod
    ist lautlose Fülle.
  • Der Sommer fiel …

    Der Sommer fiel.
    Die Bäume sterben gelb und rot.
    Und ohne Sonnenglanz und Vogelsang
    beugt sich das letzte grüne Gras
    dem Tod.
  • Letztes Bild

    Die Birke reckt
    die nackten weißen Arme
    tief in den Himmel,
    der sich hinter ihr erhebt.
    Die letzten Tauben
    fliehen von den Dächern –
    zerschlagen hart
    mit ihren Flügeln
    das Abendlicht,
    das violett verebbt.
    
    Sturm wird erwartet in der Nacht.
    Und Schnee.
  • Der lange bleierne Winter …

    Der lange bleierne Winter –
    plötzlich scheint er zu schweben
    nachts
    in lautlosem Weiß.
  • Januar

    Orion
    so bleich
    die Klippen der Stunden
    ersteigend
    jagt er
    schweigend.
    Denn die Nächte
    sind reich
    an Sternwild.
  • Später Schnee

    Als kämen Boten her
    aus fernen Jahren
    und brächten uns
    Erinnerung an Licht –
    
    so fiel ein Schnee
    des Nachts
    in unsre Gärten,
    die viel zu lange
    wie erstorben waren –
    
    und legte Glanz
    auf alle Winterhärten
    und einen Hauch von Stille
    und Verzicht.
    
    Doch ist kein Schlaf mehr
    unter diesen Decken –
    als tauchte jemand auf
    aus tiefem Traum
    und ahnte,
    irgendetwas wird ihn wecken.
    Und wartet zögernd ...
    und begreift es kaum.
  • Schon als Regen …

    Schon als Regen
    perlt Schnee von den Scheiben –
    Abschiedstränen.
    Denn nicht jeder
    liebt die Hitze des kommenden Sommers.
  • Himmelsbild

    Zart und vollkommen
    die neue Sichel des Mondes
    am westlichen Himmel –
    dünngeschliffen
    gleitet sie sanft
    vom Erdschatten getragen
    durch die Seide der Nacht
    
    auf Sirius zu,
    der sich entzieht.
  • Nichts so hell …

    Nichts so hell
    wie die silberdrahtdünne
    Sichel des Mondes im Westen.
    Kein Traum ist es wert,
    einen solchen Anblick zu verschlafen.
  • Schrill …

    Schrill
    kreuzen Schwalbenpfeile
    den Sommer –
    Wen sollen sie treffen?
    
    Vielleicht mein Herz,
    das ahnungslos verblutet.
  • Willst du dich erkennen …

    Willst du dich erkennen,
    frag deine Träume –
    willst du dich ändern,
    ändere deine Träume –
    
    nichts ist schwieriger.
  • Engel 6

    Sie sind
    das Nichtsein unseres Seins –
    wenn sie nicht wären,
    gäbe es keins.
    Wären sie nicht,
    uns könnt es nicht geben –
    sie sind der Gedanke
    und wir sind sein Leben –
    wir sind der Schatten
    und sie sind das Licht –
    
    wenn sie nicht wären,
    gäb es uns nicht.
  • Lied

    Baue dein Haus
    hinter den Stürmen
    auf den schmalen Saum
    zwischen Fülle und Nichts –
    Trinke den Schaum
    von den Quellen des Lichts –
    Baue dein Haus
    in den Traum.
    
    Singe dein Lied
    über den Türmen
    in den lautleeren Raum
    zwischen Immer und Jetzt –
    Pflanze den Baum
    deines Lächelns zuletzt –
    Pflanze dein Lied
    in den Traum.