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Vorwort
Aus: Eva Boström, Der Karpfen und die Katze. 23 Zen-Geschichten, mit einem Vorwort von Kim Joris Boström. Auf dieser Seite stehen alle 23 Geschichten.
In unserer westlichen Kultur und Weltanschauung gelten Widersprüche als hässlich. Sie gehören aufgelöst, so wie man einen Knoten auflöst. Seit Aristoteles im 4. Jahrhundert vor Christus das „tertium non datur“ formuliert hat, wissen wir, dass eine Aussage entweder wahr oder falsch ist. Sie kann nicht in derselben Hinsicht zugleich wahr und falsch oder etwas Drittes sein. Auf dieser Gewissheit beruhen unsere zivilisatorischen Errungenschaften, unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse, unser technischer Fortschritt und unser Selbstverständnis als Mensch, der imstande ist, zu absoluter Erkenntnis zu gelangen, unabhängig von individueller Erfahrung. Parallelen schneiden sich im Unendlichen, die Erde kreist um die Sonne, Energie bleibt erhalten und Äpfel fallen stets nach unten.
Nun kommt ausgerechnet aus dem geistigen Zentrum dieser felsenfesten Überzeugungen, der Naturwissenschaft, folgender Satz:
„Das Gegenteil einer tiefen Wahrheit ist ebenfalls eine tiefe Wahrheit.“
Ausgesprochen von Niels Bohr (1885–1962), dänischer Physiker und Nobelpreisträger.
Was ist passiert? Ganz ohne Vorwarnung und von vielen unbemerkt sind im vergangenen 20. Jahrhundert scheinbar unerschütterliche Grundfesten unseres wissenschaftlichen und philosophischen Denkens mehrfach erschüttert und sogar zerstört worden. Die Liste der Verwüstungen ist beeindruckend:
- Die meisten Vorgänge in der Natur sind so komplex, dass geringste Veränderungen zu unvorhersagbaren Konsequenzen führen.
- Alle elementaren Vorgänge in der Natur sind zufällig. Ihr jeweiliger Ausgang kann prinzipiell nur mithilfe von Wahrscheinlichkeiten beschrieben werden.
- Sämtliche Materie besteht aus elementaren Teilchen, die zugleich Wellen sind.
- Bestimmte Eigenschaften dieser Teilchen, wie die Position und die Geschwindigkeit, sind nicht zugleich beliebig genau bestimmbar.
- Materie kann in Energie und Energie kann in Materie umgewandelt werden.
- Es gibt weder eine absolute Zeit noch einen absoluten Raum. Der Zeitpunkt und der Ort eines jeden Ereignisses sind von der Geschwindigkeit und Masse des Betrachters abhängig.
- Es gibt kein mathematisches System, in dem sich alle wahren Aussagen beweisen lassen.
- Es gibt Unendlichkeiten, von denen jeweils eine größer ist als die andere.
- 95% der Masse in unserem Universum ist von einer Art, die uns vollkommen unbekannt ist.
Diese Aussagen beruhen auf Erkenntnissen der Chaosforschung, der Quantenmechanik, der Relativitätstheorie, der mathematischen Logik und der modernen Kosmologie. Sie widersprechen allem, was die Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts als unerschütterliche Wahrheit erkannt zu haben glaubte.
Was nun? Ist all unsere Einsicht nur Einbildung? Ist tatsächlich alles möglich?
Trotz aller Verwüstungen an unserer traditionellen Weltsicht gibt es keinen Grund, Gewissheit durch Beliebigkeit zu ersetzen. Etwas anderes muss an die Stelle der Gewissheit treten: Zweifel.
Zweifel ist Einsicht in die Zweiheit. Niels Bohr schlug seinerzeit das „Komplementaritätsprinzip“ vor, mit welchem er die Widersprüche der Quantenmechanik aufzulösen gedachte. Doch es geht hier nicht um eine Auflösung im aristotelischen Sinne. Die elementaren Widersprüche werden nicht zugunsten der einen oder anderen Lösung entschieden. Beide Aspekte der Wahrheit behalten ihre Gültigkeit. Sie gehören beide gleichberechtigt zur vollständigen Beschreibung der Wirklichkeit, obwohl sie sich scheinbar gegenseitig ausschließen.
Nehmen wir den oben erwähnten Welle-Teilchen-Dualismus der Materie. Ein Elektron, der kleinste Träger von elektrischer Ladung, benimmt sich in bestimmten Experimenten wie ein Teilchen: Es erzeugt einen kleinen leuchtenden Fleck auf einem Schirm, es lässt sich von elektrischen und magnetischen Feldern ablenken, es stößt mit anderen Elektronen zusammen und hinterlässt Spuren in der Nebelkammer. In anderen Experimenten verhält es sich wie eine Welle: Es wird an kleinen Spalten gebeugt, kann sich an Doppelspalten überlagern und Interferenzmuster erzeugen, es bildet eine stehende Welle um den Atomkern. Jedoch wird kein Experiment imstande sein, sowohl die Teilchen- als auch die Welleneigenschaften des Elektrons zugleich zum Vorschein zu bringen. Je nach Versuchsanordnung benimmt das Elektron sich ganz wie ein Teilchen oder ganz wie eine Welle. Wir können es nur dann verstehen, wenn wir es in seiner komplementären Gesamtheit erfassen. Jedes Experiment stellt eine ganz bestimmte Frage und bekommt eine ganz bestimmte Antwort, wobei die Antwort von der Frage abhängig ist. Die Gesamtheit aller Antworten auf alle möglichen Fragen entspricht der vollständigen Beschreibung des Elektrons. Der Widerspruch existiert nur durch unser mangelndes Verständnis, nicht durch unsere mangelnde Kenntnis der Wirklichkeit.
Im Gegensatz zu uns geht die fernöstliche Philosophie schon seit sehr langer Zeit anders an Widersprüche heran. Sie versucht sie nicht zu lösen, sondern zu verstehen. Ganz ohne Quantenmechanik und Relativitätstheorie. Seit Jahrhunderten steht der Zweifel im Mittelpunkt des Zen-Buddhismus, und eines der wichtigsten Werkzeuge zur Erlangung von Einsicht und Erleuchtung ist das Koan. Ein Koan ist eine kleine Geschichte, eine Frage oder auch nur ein Satz. Ein Koan erscheint rätselhaft oder sogar unsinnig und widersprüchlich. Jedoch liegt in jedem Koan eine bestimmte Einsicht verborgen wie die Perle in einer Muschel. Manchmal können es gleich mehrere Einsichten sein, manchmal ist es nur eine von vielen möglichen Einsichten, von denen keine wichtiger oder richtiger ist als die andere. Möglicherweise führen solche Einsichten – Kenshos, wie es im japanischen Zen heißt – schließlich zur Erleuchtung, zum Satori.
Ein Koan ist kein Rätsel und keine Preisfrage. Es gibt keine richtige oder falsche Antwort, es werden keine Punkte vergeben. Und doch kann der Zen-Meister, der einem Schüler ein Koan aufgibt, damit dieser darüber Tage, Wochen, Monate oder sogar Jahre meditiert, anhand der Antworten und Bemerkungen des Schülers erkennen, ob er zu einer tiefen oder weniger tiefen Einsicht gelangt ist. Die Reaktion des Meisters auf die Antworten seines Schülers zeigt diesem, wie weit er in seiner Einsicht gelangt ist, welche Schichten des Verstehens er durchdrungen hat. Doch der Meister tut dies in einer wiederum sehr Zen-typischen Weise, mit Humor und Ironie. Groß ist die Enttäuschung des Schülers, wenn der Meister ihn wegen seines Scharfsinns lobt. Dann weiß er, dass er am Kern des Koans vorbeigedacht hat. Dass er mit den Mitteln des Alltagsverstandes den Widerspruch zur einen oder zur anderen Seite aufgelöst zu haben glaubt, und damit den Weg zu einem tieferen Verstehen verfehlt hat. Doch still und hell wird seine Begeisterung sein, wenn der Meister ihn einen ausgemachten Schafskopf nennt.
Die vorliegende Sammlung von Zen-Geschichten ist das Ergebnis eines Aufeinandertreffens. Eva Boström schrieb diese kleinen Geschichten auf, während sie sich intensiv mit dem Zen-Buddhismus beschäftigte, ohne einen Gedanken an ihren Sinn und Zweck im Sinne einer Belehrung oder Veröffentlichung. Sie sind wie die Streuprodukte des Zusammenstoßes elementarer Teilchen in der Nebelkammer, Spuren des Verstehens und des Zweifels. Und genau wie in einer Teilchenkollision entstehen aus den Stoßpartnern völlig neue Teilchen, die aber wiederum nur die Aspekte der ursprünglichen Teilchen in einer anderen Weise zum Ausdruck bringen. Zwar sind die beschriebenen Charaktere scheinbar in der östlichen Welt zuhause – es sind Mönche und Meister, weise Frauen und kalligrafische Künstler –, doch sind sie Fiktionen eines in westlicher Erziehung aufgewachsenen Menschen. Manchmal tauschen bei Kollisionen die beteiligten Teilchen Aspekte ihrer Identität, sie tauschen ihre Rollen und verraten damit demjenigen, der sich die Zeit und Mühe nimmt sie zu betrachten, viel über die Natur unserer Wirklichkeit.
Kim Joris Boström, Münster, November 2007
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Welche Bilder?
Der Einsiedler So-Sei lebte in einer Hütte in den Bergen. Außer seiner täglichen Arbeit in Haus und Garten malte er. Er malte mit Hingabe, sodass manches Mal Schweiß oder auch Tränen als kleine Tropfen auf seine Bilder fielen.
Eines Tages kam der Mönch Wei-Wei aus dem nahen Kloster, um ihn zu besuchen. Er fand So-Sei malend in tiefer Meditation. Achtungsvoll schweigend sah er ihm aus der Entfernung zu. Endlich wagte er zu reden.
„Darf ich Euch etwas fragen, Meister?“
„Nur zu“, sagte So-Sei, ohne sich stören zu lassen.
„Weshalb macht Ihr diese Bilder, wenn sie doch nie jemand zu Gesicht bekommt?“
So-Sei malte weiter.
„Welche Bilder?“, antwortete So-Sei.
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Feuer
Eines Tages besuchte Wei-Wei wieder einmal den Einsiedler So-Sei. Er fand ihn über den Herd gebeugt, wo er das Feuer mit seinen Bildern fütterte.
„Was tut Ihr da, Meister!“, rief Wei-Wei.
So-Sei warf ein neues Blatt in die Flammen und sagte: „Kommt her, Wei-Wei. Setzt Euch. Ich koche gerade Tee. Wir wollen ihn gemeinsam genießen.“
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Zu laut
So-Sei machte sich auf den Weg ins Kloster, um Gemüse gegen Reis zu tauschen. In der Halle fand er an die hundert Mönche beim Za-Zen. Kein Atem war zu hören. Kein Muskel bewegte sich. So-Sei machte kehrt und lief, so leise er konnte, in den Hof, wo er einen Haufen lärmender Spatzen zu füttern begann.
Wei-Wei war ihm gefolgt und fragte: „Warum seid Ihr fortgelaufen, Meister?“
So-Sei sagte: „Da drinnen war es mir zu laut.“
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Warten
Seit Monaten hatte So-Sei kein einziges Bild mehr gemalt. In seinem Innern staute sich Ungeformtes. Bilder, die noch nicht zu erkennen waren, häuften sich auf seiner Seele.
Er dachte: So muss sich eine schwangere Frau fühlen, wenn sie vergeblich auf die Wehen wartet.
Dieser Gedanke ließ ihn seinen Fehler erkennen.
Er kochte sich Tee und hörte lange dem Regen zu.
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Nicht da
Der Mönch Wei-Wei ging, um So-Sei in seiner Klause zu besuchen. Er freute sich auf einen Tee und ein geistvolles Gespräch. Dort angekommen, klopfte er an die Tür, aber keine Stimme bat ihn herein. Er versuchte es mehrmals vergeblich und ging dann um das Haus herum. Weil auch die hintere Tür verschlossen war, schaute er durch das Fenster:
Da saß So-Sei in tiefer Versenkung.
Wei-Wei ging zum Kloster zurück. Der Abt fragte ihn: „Nun, wie geht es So-Sei?“
Wei-Wei antwortete: „Gut. Er war nicht da.“
Der Abt lächelte und sagte: „Obwohl noch Winter ist, wagen sich schon ein paar Krokusse aus dem Boden.“
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Wanderstab
So-Sei traf Wei-Wei, der auf dem Weg zu ihm war.
„Wohin des Wegs?“, fragte er.
Wei-Wei dachte bei sich, dass das eine Fangfrage sei, und antwortete nach einigem Schweigen:
„Ich suche meinen Weg.“
„Dann habt Ihr ihn also verloren?“, fragte So-Sei weiter.
Das kam Wei-Wei richtig vor, und er nickte.
„Vielleicht könnt Ihr mir weiterhelfen?“, fragte er.
So-Sei brach seinen Wanderstab entzwei und reichte ihn Wei-Wei.
Der verneigte sich tief und ging zum Kloster zurück.
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Die weise Frau
Eines Tages kam ein anderer Mönch des Klosters zu Wei-Wei und sagte: „Ich habe gehört, dass ziemlich weit oben in den Bergen in einem Tal, das ‚Handfläche der Göttin‘ heißt, weil es von fünf Gipfeln umgeben ist, eine weise Frau wohnt. Sollen wir nicht hingehen und versuchen, von ihrer Weisheit zu profitieren?“
Wei-Wei war einverstanden. Sie wanderten einige Tage, bis sie in das beschriebene Tal kamen, in dem eine winzige Hütte stand. Eine gebeugte alte Frau wusch Wäsche in einem Trog. Sie kam und verneigte sich lächelnd vor ihnen, das Gesicht voller freundlicher Runzeln.
„Wir haben gehört“, sagte Wei-Wei, „dass hier eine sehr weise Frau wohnen soll. Wir wollten sie um Unterweisung bitten.“
„Ich bin nur eine Dienerin“, sagte die Alte. „Meine Herrin ist nicht da.“
„Und wo ist sie?“, fragte der andere Mönch. Die Alte wies unbestimmt in die Berge ringsum.
„Und wann kommt sie wieder?“, fragte Wei-Wei.
Die Alte wusste es nicht. Die beiden Mönche sahen sich an und hielten sie für ein bisschen seltsam.
„Wenn es erlaubt ist, werde ich warten“, sagte Wei-Wei und betrat die Hütte. Er war müde, der Weg war weit gewesen, und irgendwann würde die weise Frau schon kommen. Der andere Mönch nahm nur eine Erfrischung und machte sich auf den Weg zurück.
Wei-Wei wartete fast einen ganzen Monat. Aber nichts geschah. Er wartete und wartete, während die Alte ihren winzigen Haushalt machte, Unkraut jätete, was reif war erntete, Wasser von der Quelle holte, Tee kochte, Essen zubereitete, ihren Gast höflich bediente und auf jede seiner ungeduldigen Fragen nur lächelte.
Er hätte vielleicht die Ziege melken können – aber er verstand nichts davon. Oder das Schaf suchen – nur, er hatte Angst, sich zu verlaufen. Jeden Tag beobachtete er die Gegend, so weit er sehen konnte – aber niemand kam. Als sich dann die Regenzeit ankündigte, gab er auf. Er verabschiedete sich missmutig, und die Alte schenkte ihm einen schönen geschnitzten Wanderstab und lächelte ihm nach.
Auf einem Umweg kam er an So-Seis Klause vorbei. Er erzählte ihm von seinem Missgeschick und bejammerte die verlorene Zeit. So-Sei hörte ihm geduldig zu. Nachdem Wei-Wei geendet hatte, begann er zu lachen, und er lachte immer noch, als Wei-Wei schon längst wieder im Kloster angekommen war.
„Was höre ich da“, fragte der Abt Wei-Wei und den anderen Mönch, „Ihr seid bei der berühmten weisen Klausnerin gewesen?“
„Das ist es ja“, riefen beide, „sie war gar nicht da!“
„Das ist gelogen“, sagte der Abt ruhig. „Ihr wart nicht da.“
Und sie mussten einen Monat lang Küchendienst machen.
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Auf der Suche
Der Mönch Ho irrte mit hängendem Kopf durch den Klostergarten. So traf ihn Wei-Wei.
„Was ist los?“, fragte er.
„Ich fühle mich so unruhig“, antwortete Ho.
„Naja, es wird Frühling – da sind wir alle ein wenig unruhig.“
„Das ist es nicht. Ich glaube, ich bin andauernd auf der Suche.“
„Und wonach suchst du?“
„Ich suche nach meinem Weg.“
„Wenn du ihn suchst, dann hast du ihn verloren“, sagte Wei-Wei, wobei er sich dunkel an ein ähnliches Gespräch erinnerte, bei dem er meinte, etwas gelernt zu haben. Beide waren sehr zufrieden mit ihrer Unterhaltung.
Am Abend trugen sie das Problem dem Abt vor.
„Aha“, sagte der Abt, „und was ist mit dem Unkraut im Küchengarten?“
So-Sei lachte, als sie ihm dieses Vorkommnis erzählten.
„Da seid ihr aber glimpflich davongekommen“, sagte er. „Mein alter Lehrer hätte ganz anders reagiert. Vielleicht hätte er euch mit verbundenen Augen auf die Suche geschickt. Ohne Augen sieht man besser.“
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Abfall
Der älteste Mönch des Klosters kam eines Tages zum Abt und bat darum, in der Küche arbeiten zu dürfen.
„Ich brauche dringend eine Veränderung“, sagte er.
Der Abt sah ihn lange prüfend an, dann erlaubte er es ihm unter einer Bedingung: Er dürfe keinen Abfall hinterlassen. Der alte Mönch verneigte sich und begab sich in die Klosterküche. Von diesem Tag an schmeckte allen das Essen so gut wie nie zuvor.
Auch der Abt bemerkte das. Unangemeldet besuchte er den selbst ernannten Küchenmönch und fand ihn mit tiefem Eifer bei der Zubereitung einer Mahlzeit.
„Nanu“, fragte er, „wie steht es mit deiner Veränderung?“
„Ich hinterlasse keinen Abfall mehr“, war die Antwort.
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Nichts
Wei-Wei saß bei So-Sei.
„Ich habe eine Frage“, sagte er. „Es heißt, die zehntausend Dinge gehen hervor aus dem Bewusstsein. Das Bewusstsein geht hervor aus dem Sein. Das Sein geht hervor aus dem Nichts. Aber – woraus geht das Nichts hervor?“
So-Sei schwieg. Später nahm er einen Pinsel und malte einen Kreis.
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Was du hast
Ein Mönch kam zu So-Sei. „Vielleicht könnt Ihr mir helfen, Meister“, sagte er. „Es gibt da ein Koan, das sagt: Was du hast, wird dir gegeben. Was du nicht hast, wird dir genommen. Den ersten Teil habe ich verstanden – aber was ist mit dem zweiten Teil?“
„Nur die Hälfte zu wissen ist weniger, als gar nichts zu wissen“, sagte So-Sei. „Was fehlt dir?“
Über das Gesicht des Mönchs glitt ein Lächeln.
„Ihr habt es mir soeben genommen“, sagte er, verneigte sich tief und ging.
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Tausend Tempel
„Ich habe ein Rätsel für euch“, sagte der Abt. „Wer kann es lösen?
Hier ist es:
Jeden Abend werden auf dem stillen Gewässer des Sees tausend Tempel errichtet. Aber sobald sie fertig sind, fliegen sie davon.“
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Eben drum
Eines Nachts fand der Mönch Ho seinen Freund Wei-Wei allein auf der Terrasse des Klosters.
„Was tust du hier?“, fragte er.
„Ich betrachte den Mond.“
„Aber – der scheint doch gar nicht.“
„Natürlich scheint er.“
„Wie willst du das wissen, wenn deine Augen geschlossen sind?“
„Eben drum.“
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Geheimnis
Im Kloster lebte ein lahmer Mönch. Er bewegte sich mühsam mit zwei Krücken, aber er war der heiterste und gütigste von allen. „Was ist dein Geheimnis?“, fragte Wei-Wei ihn eines Tages. Der Mönch beugte sich nahe an Wei-Weis Ohr und flüsterte:
„Verrate es niemandem. Ich kann fliegen.“
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Saubere Tempel
Der Abt des Klosters machte sich auf zu einem Besuch in So-Seis Klause. So-Sei bewirtete ihn, und sie schwiegen gemeinsam. Nach einer Weile sagte der Abt mit einem Blick ins Tal:
„Seit vielen Jahren bin ich verantwortlich für fast hundert Tempel. Ihnen gelten meine Bemühungen Tag und Nacht, und trotz guter Pflege gelingt es mir nicht, sie in Ordnung zu bringen. Ich meine nicht das Äußere – das erscheint meist ansehnlich und gut instand. Aber innen! Sie sind nicht so sauber, wie sie sein sollten. Das Feuer wird in den meisten nicht gut gehütet – es kann zu Bränden kommen. Die Altäre werden vernachlässigt. Und das Licht, das in und aus ihnen leuchten sollte, das scheint nur in wenigen. Was kann ich tun, Meister So-Sei?“
So-Sei nahm die Tasse des Abtes und schüttete den kalt gewordenen Tee in den Ausguss. Dann füllte er sie neu mit dem duftenden Getränk. Andächtig nahm der Abt das heiße Gefäß in beide Hände und pustete lächelnd den Dampf über den Rand in So-Seis Richtung.
„Man sollte niemals kalten Tee trinken“, sagte er.
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Richtig und falsch
Der Abt hob die Hand und blickte auf die versammelten Mönche.
„Was sagt ihr hierzu:
Richtig zur falschen Zeit ist …“
„Falsch!“, riefen die Mönche.
„Falsch zur richtigen Zeit ist …“
„Falsch!“
„Richtig zur richtigen Zeit ist …“
„Richtig!“, kam es im Chor.
„Aber was ist mit falsch zur falschen Zeit?“
„Ein weißer Schimmel läuft vorbei!“, rief Ho.
„Nein“, rief Wei-Wei, „ein schwarzer Schimmel!“
„Ihr seid zwei Schafsköpfe“, sagte der Abt. Die beiden Mönche freuten sich sehr über dieses Lob.
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Der Haupttempel
So-Sei besuchte den Abt im Kloster. Anknüpfend an ihr letztes Gespräch fragte er:
„Nun, wie steht’s mit den Tempeln?“
„Einige müssen gereinigt werden“, antwortete der Abt.
„Und wie steht’s mit dem Haupttempel?“, fragte er weiter. Der Abt rieb sich die Augen.
„Das Lampenöl wird langsam knapp“, sagte er.
So-Sei wies auf den Vollmond und meinte:
„Warum, ehrwürdiger Meister, bedient Ihr Euch nicht dort?“
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Die drei Affen
Der Abt fragte die anwesenden Mönche: „Was ist die wahre Bedeutung der drei Affen?“ (Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen.)
Mönch Ho erhob sich und ging leise in den Meditationsraum.
„Er mausert sich“, dachte der Abt. Zu den anderen gewandt sagte er: „Ich sehe – ihr zieht die volkstümliche Bedeutung vor.“
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Die Katze
Die Mönche brachten eines Tages eine Katze zum Abt.
„Ehrwürdiger Meister“, sagten sie, „was sollen wir mit ihr machen? Täglich frisst sie das gute Futter, das wir ihr geben. Aber die Mäuse in der Speisekammer fängt sie nicht. Wozu ist eine Katze von Nutzen, die keine Mäuse fängt?“
„Was glaubt ihr?“, fragte der Abt. „Hat sie es nie gelernt oder hat sie es verlernt?“
Die Meinungen waren unterschiedlich.
Da ergriff der Abt die Katze beim Nackenfell, hielt sie hoch über seinen Kopf und donnerte:
„Schaut sie euch genau an!“
Erschrocken verließen die Mönche den Raum. Nur einer blieb etwas länger. Er nahm die Katze und brachte sie zu So-Sei in die Einsiedelei.
Wei-Wei besuchte ihn nach einiger Zeit und fragte:
„Was macht die Katze?“
„Sie hat sich erinnert, dass sie eine Katze ist“, antwortete So-Sei.
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Ein Tor
Wei-Wei sagte eines Tages aus tiefem Schweigen heraus:
„Jeder Mensch hat ein Tor, das in sein Herz führt.“
„Ich würde es etwas anders ausdrücken“, meinte Ho. „Jedes Herz ist ein Tor, das in den Menschen führt.“
„Oder“, ergänzte Wei-Wei, „es ist das Tor, das zu den Menschen führt.“
So philosophierten sie, während sie im Hof herumgingen.
Am Tor des Klosters stand ein halbblinder Bettler, der nicht einzutreten wagte und geduldig auf eine Mahlzeit hoffte. Die beiden Mönche bemerkten ihn nicht.
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Zu wenig Licht
Der Abt war wieder einmal in die Berge gestiegen, um So-Sei zu besuchen. Wie schon oft saßen sie vor der Einsiedelei und schauten in das Tal. Der Abt war deprimiert.
„Da unten“, sagte er, „ist zu wenig Licht.“
So-Sei nahm eins seiner Bilder, rollte es zusammen und zündete es im Herd an. Brennend reichte er es dem Abt.
Dieser verneigte sich und machte sich seufzend auf den Rückweg.
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Regenbogen
Die Mönche Wei-Wei und Ho betrachteten vor dunkler Wolkenwand einen Regenbogen.
„Kannst du mir zeigen“, fragte Wei-Wei, „wo die eine Farbe aufhört und die nächste beginnt?“
„Das ist unmöglich“, antwortete Ho.
„Das ist von großer Bedeutung“, meinte Wei-Wei.
„Nein“, sagte Ho, „das ist von großer Schönheit.“
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Der Karpfen und die Katze
Ein wohlhabender Förderer des Klosters schenkte den Mönchen einen kostbaren Zierkarpfen. Sie setzten ihn in den kleinen Teich des Gartens und rissen sich darum, ihn zu füttern. Und der Fisch wurde so zutraulich, dass er ihnen aus der Hand fraß.
Eines Tages beobachtete Wei-Wei, wie die Katze auf einem der Steine am Teichrand saß und mit zuckendem Schwanz den Karpfen belauerte, der dicht unter der Wasseroberfläche direkt vor ihrer Nase hin und her schwamm. Erschrocken schlug er aufs Wasser und verscheuchte beide.
„Was hätte ich tun sollen?“, dachte er. „Jeder hat doch nur auf seine Mahlzeit gewartet.“