Eines Tages kam ein anderer Mönch des Klosters zu Wei-Wei und sagte: „Ich habe gehört, dass ziemlich weit oben in den Bergen in einem Tal, das ‚Handfläche der Göttin‘ heißt, weil es von fünf Gipfeln umgeben ist, eine weise Frau wohnt. Sollen wir nicht hingehen und versuchen, von ihrer Weisheit zu profitieren?“
Wei-Wei war einverstanden. Sie wanderten einige Tage, bis sie in das beschriebene Tal kamen, in dem eine winzige Hütte stand. Eine gebeugte alte Frau wusch Wäsche in einem Trog. Sie kam und verneigte sich lächelnd vor ihnen, das Gesicht voller freundlicher Runzeln.
„Wir haben gehört“, sagte Wei-Wei, „dass hier eine sehr weise Frau wohnen soll. Wir wollten sie um Unterweisung bitten.“
„Ich bin nur eine Dienerin“, sagte die Alte. „Meine Herrin ist nicht da.“
„Und wo ist sie?“, fragte der andere Mönch. Die Alte wies unbestimmt in die Berge ringsum.
„Und wann kommt sie wieder?“, fragte Wei-Wei.
Die Alte wusste es nicht. Die beiden Mönche sahen sich an und hielten sie für ein bisschen seltsam.
„Wenn es erlaubt ist, werde ich warten“, sagte Wei-Wei und betrat die Hütte. Er war müde, der Weg war weit gewesen, und irgendwann würde die weise Frau schon kommen. Der andere Mönch nahm nur eine Erfrischung und machte sich auf den Weg zurück.
Wei-Wei wartete fast einen ganzen Monat. Aber nichts geschah. Er wartete und wartete, während die Alte ihren winzigen Haushalt machte, Unkraut jätete, was reif war erntete, Wasser von der Quelle holte, Tee kochte, Essen zubereitete, ihren Gast höflich bediente und auf jede seiner ungeduldigen Fragen nur lächelte.
Er hätte vielleicht die Ziege melken können – aber er verstand nichts davon. Oder das Schaf suchen – nur, er hatte Angst, sich zu verlaufen. Jeden Tag beobachtete er die Gegend, so weit er sehen konnte – aber niemand kam. Als sich dann die Regenzeit ankündigte, gab er auf. Er verabschiedete sich missmutig, und die Alte schenkte ihm einen schönen geschnitzten Wanderstab und lächelte ihm nach.
Auf einem Umweg kam er an So-Seis Klause vorbei. Er erzählte ihm von seinem Missgeschick und bejammerte die verlorene Zeit. So-Sei hörte ihm geduldig zu. Nachdem Wei-Wei geendet hatte, begann er zu lachen, und er lachte immer noch, als Wei-Wei schon längst wieder im Kloster angekommen war.
„Was höre ich da“, fragte der Abt Wei-Wei und den anderen Mönch, „Ihr seid bei der berühmten weisen Klausnerin gewesen?“
„Das ist es ja“, riefen beide, „sie war gar nicht da!“
„Das ist gelogen“, sagte der Abt ruhig. „Ihr wart nicht da.“
Und sie mussten einen Monat lang Küchendienst machen.