Vorwort

Aus: Eva Boström, Der Karpfen und die Katze. 23 Zen-Geschichten, mit einem Vorwort von Kim Joris Boström. Auf dieser Seite stehen alle 23 Geschichten.

In unserer westlichen Kultur und Weltanschauung gelten Widersprüche als hässlich. Sie gehören aufgelöst, so wie man einen Knoten auflöst. Seit Aristoteles im 4. Jahrhundert vor Christus das „tertium non datur“ formuliert hat, wissen wir, dass eine Aussage entweder wahr oder falsch ist. Sie kann nicht in derselben Hinsicht zugleich wahr und falsch oder etwas Drittes sein. Auf dieser Gewissheit beruhen unsere zivilisatorischen Errungenschaften, unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse, unser technischer Fortschritt und unser Selbstverständnis als Mensch, der imstande ist, zu absoluter Erkenntnis zu gelangen, unabhängig von individueller Erfahrung. Parallelen schneiden sich im Unendlichen, die Erde kreist um die Sonne, Energie bleibt erhalten und Äpfel fallen stets nach unten.

Nun kommt ausgerechnet aus dem geistigen Zentrum dieser felsenfesten Überzeugungen, der Naturwissenschaft, folgender Satz:

„Das Gegenteil einer tiefen Wahrheit ist ebenfalls eine tiefe Wahrheit.“

Ausgesprochen von Niels Bohr (1885–1962), dänischer Physiker und Nobelpreisträger.

Was ist passiert? Ganz ohne Vorwarnung und von vielen unbemerkt sind im vergangenen 20. Jahrhundert scheinbar unerschütterliche Grundfesten unseres wissenschaftlichen und philosophischen Denkens mehrfach erschüttert und sogar zerstört worden. Die Liste der Verwüstungen ist beeindruckend:

  • Die meisten Vorgänge in der Natur sind so komplex, dass geringste Veränderungen zu unvorhersagbaren Konsequenzen führen.
  • Alle elementaren Vorgänge in der Natur sind zufällig. Ihr jeweiliger Ausgang kann prinzipiell nur mithilfe von Wahrscheinlichkeiten beschrieben werden.
  • Sämtliche Materie besteht aus elementaren Teilchen, die zugleich Wellen sind.
  • Bestimmte Eigenschaften dieser Teilchen, wie die Position und die Geschwindigkeit, sind nicht zugleich beliebig genau bestimmbar.
  • Materie kann in Energie und Energie kann in Materie umgewandelt werden.
  • Es gibt weder eine absolute Zeit noch einen absoluten Raum. Der Zeitpunkt und der Ort eines jeden Ereignisses sind von der Geschwindigkeit und Masse des Betrachters abhängig.
  • Es gibt kein mathematisches System, in dem sich alle wahren Aussagen beweisen lassen.
  • Es gibt Unendlichkeiten, von denen jeweils eine größer ist als die andere.
  • 95% der Masse in unserem Universum ist von einer Art, die uns vollkommen unbekannt ist.

Diese Aussagen beruhen auf Erkenntnissen der Chaosforschung, der Quantenmechanik, der Relativitätstheorie, der mathematischen Logik und der modernen Kosmologie. Sie widersprechen allem, was die Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts als unerschütterliche Wahrheit erkannt zu haben glaubte.

Was nun? Ist all unsere Einsicht nur Einbildung? Ist tatsächlich alles möglich?

Trotz aller Verwüstungen an unserer traditionellen Weltsicht gibt es keinen Grund, Gewissheit durch Beliebigkeit zu ersetzen. Etwas anderes muss an die Stelle der Gewissheit treten: Zweifel.

Zweifel ist Einsicht in die Zweiheit. Niels Bohr schlug seinerzeit das „Komplementaritätsprinzip“ vor, mit welchem er die Widersprüche der Quantenmechanik aufzulösen gedachte. Doch es geht hier nicht um eine Auflösung im aristotelischen Sinne. Die elementaren Widersprüche werden nicht zugunsten der einen oder anderen Lösung entschieden. Beide Aspekte der Wahrheit behalten ihre Gültigkeit. Sie gehören beide gleichberechtigt zur vollständigen Beschreibung der Wirklichkeit, obwohl sie sich scheinbar gegenseitig ausschließen.

Nehmen wir den oben erwähnten Welle-Teilchen-Dualismus der Materie. Ein Elektron, der kleinste Träger von elektrischer Ladung, benimmt sich in bestimmten Experimenten wie ein Teilchen: Es erzeugt einen kleinen leuchtenden Fleck auf einem Schirm, es lässt sich von elektrischen und magnetischen Feldern ablenken, es stößt mit anderen Elektronen zusammen und hinterlässt Spuren in der Nebelkammer. In anderen Experimenten verhält es sich wie eine Welle: Es wird an kleinen Spalten gebeugt, kann sich an Doppelspalten überlagern und Interferenzmuster erzeugen, es bildet eine stehende Welle um den Atomkern. Jedoch wird kein Experiment imstande sein, sowohl die Teilchen- als auch die Welleneigenschaften des Elektrons zugleich zum Vorschein zu bringen. Je nach Versuchsanordnung benimmt das Elektron sich ganz wie ein Teilchen oder ganz wie eine Welle. Wir können es nur dann verstehen, wenn wir es in seiner komplementären Gesamtheit erfassen. Jedes Experiment stellt eine ganz bestimmte Frage und bekommt eine ganz bestimmte Antwort, wobei die Antwort von der Frage abhängig ist. Die Gesamtheit aller Antworten auf alle möglichen Fragen entspricht der vollständigen Beschreibung des Elektrons. Der Widerspruch existiert nur durch unser mangelndes Verständnis, nicht durch unsere mangelnde Kenntnis der Wirklichkeit.

Im Gegensatz zu uns geht die fernöstliche Philosophie schon seit sehr langer Zeit anders an Widersprüche heran. Sie versucht sie nicht zu lösen, sondern zu verstehen. Ganz ohne Quantenmechanik und Relativitätstheorie. Seit Jahrhunderten steht der Zweifel im Mittelpunkt des Zen-Buddhismus, und eines der wichtigsten Werkzeuge zur Erlangung von Einsicht und Erleuchtung ist das Koan. Ein Koan ist eine kleine Geschichte, eine Frage oder auch nur ein Satz. Ein Koan erscheint rätselhaft oder sogar unsinnig und widersprüchlich. Jedoch liegt in jedem Koan eine bestimmte Einsicht verborgen wie die Perle in einer Muschel. Manchmal können es gleich mehrere Einsichten sein, manchmal ist es nur eine von vielen möglichen Einsichten, von denen keine wichtiger oder richtiger ist als die andere. Möglicherweise führen solche Einsichten – Kenshos, wie es im japanischen Zen heißt – schließlich zur Erleuchtung, zum Satori.

Ein Koan ist kein Rätsel und keine Preisfrage. Es gibt keine richtige oder falsche Antwort, es werden keine Punkte vergeben. Und doch kann der Zen-Meister, der einem Schüler ein Koan aufgibt, damit dieser darüber Tage, Wochen, Monate oder sogar Jahre meditiert, anhand der Antworten und Bemerkungen des Schülers erkennen, ob er zu einer tiefen oder weniger tiefen Einsicht gelangt ist. Die Reaktion des Meisters auf die Antworten seines Schülers zeigt diesem, wie weit er in seiner Einsicht gelangt ist, welche Schichten des Verstehens er durchdrungen hat. Doch der Meister tut dies in einer wiederum sehr Zen-typischen Weise, mit Humor und Ironie. Groß ist die Enttäuschung des Schülers, wenn der Meister ihn wegen seines Scharfsinns lobt. Dann weiß er, dass er am Kern des Koans vorbeigedacht hat. Dass er mit den Mitteln des Alltagsverstandes den Widerspruch zur einen oder zur anderen Seite aufgelöst zu haben glaubt, und damit den Weg zu einem tieferen Verstehen verfehlt hat. Doch still und hell wird seine Begeisterung sein, wenn der Meister ihn einen ausgemachten Schafskopf nennt.

Die vorliegende Sammlung von Zen-Geschichten ist das Ergebnis eines Aufeinandertreffens. Eva Boström schrieb diese kleinen Geschichten auf, während sie sich intensiv mit dem Zen-Buddhismus beschäftigte, ohne einen Gedanken an ihren Sinn und Zweck im Sinne einer Belehrung oder Veröffentlichung. Sie sind wie die Streuprodukte des Zusammenstoßes elementarer Teilchen in der Nebelkammer, Spuren des Verstehens und des Zweifels. Und genau wie in einer Teilchenkollision entstehen aus den Stoßpartnern völlig neue Teilchen, die aber wiederum nur die Aspekte der ursprünglichen Teilchen in einer anderen Weise zum Ausdruck bringen. Zwar sind die beschriebenen Charaktere scheinbar in der östlichen Welt zuhause – es sind Mönche und Meister, weise Frauen und kalligrafische Künstler –, doch sind sie Fiktionen eines in westlicher Erziehung aufgewachsenen Menschen. Manchmal tauschen bei Kollisionen die beteiligten Teilchen Aspekte ihrer Identität, sie tauschen ihre Rollen und verraten damit demjenigen, der sich die Zeit und Mühe nimmt sie zu betrachten, viel über die Natur unserer Wirklichkeit.

Kim Joris Boström, Münster, November 2007

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